wir hatten ja im letzten Beitrag die Frage, wie Frau im Spiel mit Mann ihre Waffen gekonnt einsetzt, besprochen: Dass er sich Ihrer nie sicher sein darf, immer ein bisschen ängstlich sein muss, dass sie das Interesse an ihm verloren haben könnte, und so weiter.
Praktisch ist hierbei, wenn es sich um eine e-mail-Beziehung handelt, ein Würfel: Bei ungeraden Zahlen antworte ich, bei einer eins ganz kurz, bei einer Zwei mit einem ganzen Satz, und eine Fünf erfordert schon eine kleine Aufmunterung, eine nette Geste. Würfeln ist wesentlich zuverlässiger als die Entscheidung nach Lust und Laune, finde ich jedenfalls.
Ansonsten hab' ich noch mal über dem Text gebrütet; der ist ja nur verständlich, wenn wir davon ausgehen, dass der Autor eine sinnvolle, aber verschlüsselte Information weitergibt. Wobei mit ein kleiner Fehler passiert war: Der Text ging eigentlich noch weiter, ich hatte aber gedacht, mit dem Ende der Seite wär' auch der Text zuende. Und hier kommt dazu noch eine kleine Überlegung:
Didaktiker der Liebe
Ein guter Pädagoge kaut den Stoff nicht nur einfach vor: Am besten sitzt das, was der Schüler sich selbst erarbeitet hat.
Wie wollte man auch Erotik und Sexualität lehren?
Welcher Pädagoge wollte dem Schüler sagen, wo der Hammer hängt?
Insofern teilt der Sexualpädagoge keine Blätter mit fertigen Lösungen aus, sondern eher ein Arbeitsblatt, ein Aufgabenblatt.
Was er allerdings tut, ist das Beziehungsgeflecht der Sexualität aus einer ungewöhnlichen Perspektive zu zeichnen:
Der Liebhaber, der mit seinem Rivalen das Gespräch suchen würde, gar in der hier dargestellten Form, müsste allerdings erst noch geboren werden.
Aus der ungewohnten – unmöglichen Perspektive ergeben sich dann neue Facetten, Brechungen; mag sein, Aufgabe des Schülers ist, aus der perspektivisch verfremdeten Darstellung das Bild, wie es eigentlich ist, zu rekonstruieren. Damit wäre der Schüler/Leser/Lehrer auf sein eigenes Szenario, das Beziehungsgeflecht, in dem er selbst sich bewegt oder befangen ist, verwiesen.
Furcht und Hoffnung, in denen der vorgestellte Liebhaber befangen ist, verlangen, der Tradition der Tragödie entsprechend, nach der heilsamen Erkenntnis, nach der Katharsis, und der Suche nach der alternativen Lösung.
Corinna, die persönliche Muse, spielt gar nicht die Rolle der Herrscherin, die den Liebenden quält oder auf die Folter spannt; aber auch diese Doppeldeutigkeit von, wie wir heute sagen, moralischem und sexuellem Masochismus ist hier bereits angesprochen
Unter der Bedingung des „Was mich flieht, dem folge ich, was mir folgt, das fliehe ich“ wird es einem so strukturierten Pärchen unmöglich, zusammen zu kommen; mit genau dieser Aussage war von ZIEHE der „Neue Sozialisationstypus“ charakterisiert worden, ohne, dass man bei der Einführung des „NST“ bedacht hatte, dass genau dieser Typ schon vor 2000 Jahren bestens bekannt war: Als Narziss.
Darüber haben aber die Philologen nicht aufgeklärt: Das destruktive Element des Verfolgungswahns, dieser Eigenart des Narziss, der Echo verschmähte und die Ursache der Scham war, wegen der sie sich zu Tode hungerte.
Nebenbei bemerkt: Narziss mag nicht unbeliebt gewesen sein und auch nicht unbedingt lustfeindlich, bloß auf die autoerotische Lust „fixiert“, die masturbatorische Betätigung vor dem eigenen Spiegelbild, wie uns der Mythos erklärt, doch zwischen den Zeilen erkennen wir ein diffuses, fremdes Objekt, womit sich seine Angst vor Nähe und wirklicher, allemal riskanter Hingabe an „das Andere“ darstellt. ***